Stefan Krauth – Von der Poetik des verschwommenen Blickes

Die Schlucht

Ein Mann steht mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern allein in einer Schlucht, das Motiv ist unscharf und verkörnt. (Die Schlucht, 2009) Ein Boot treibt vor einer Küstenlandschaft, zu sehen sind nur seine zwei Insassen und der schmale Küstenstreifen, sonst nichts als Leere und Weite, die durch die nebelhafte Bildoberfläche emotional noch verstärkt wird. (Der Beginn einer langen Reise, 2011). Eine Stadt scheint sich, ausgelöst durch die weißen Staubpartikel welche das Motiv überlagern, in sich selbst aufzulösen (The Spot, 2009).

Stefan Krauth spielt in seinen Arbeiten mit unseren Sehgewohnheiten, mit Klischees und dem Zufall. Motive aus Fotografien, die er auf seinen Reisen aufnimmt fügt er zu neuen Bildern zusammen. Dabei bedient er sich den Erwartungen des Betrachters, welcher, geprägt durch die mediale Flut, bestimmte Erwartungen an Orte stellt. Diese werden hier jedoch nicht erfüllt, da die Bilder keine Realität abbilden. Sie zeigen neue Zustände, Fragmente von verschiedenen Orten die in ihrer neuen Einheit doch wieder Sinn machen und ohne das Wissen um ihre Herkunft oftmals nicht als einander fremd erkannt werden.

Die neue Zusammengehörigkeit erfolgt nicht zuletzt durch den weiteren Bearbeitungsvorgang, den Stefan Krauth seinen Fotografien zukommen lässt. Die Arbeiten zeichnen sich durch Unschärfe aus. Unschärfe als Stilmittel ist seit der Renaissance beliebt. Bereits Leonardo da Vinci benutzte sie in seinen Bildern. Und auch in der zeitgenössischen Kunst, allen voran bei Gerhard Richter, erfuhr sie ein erneutes großes Wiederaufleben. Im Allgemeinen dient sie als Mittel der Entrückung. Dem Bild wird durch sie etwas Geheimnisvolles, der Hauch von Mystik verliehen.

Gänzlich neu und anders ist jedoch die Art und Weise, wie der Künstler die Verschwommenheit und Entrückung, Verkörnung und Vernebelung seiner Arbeiten erreicht. Photoshop benutzt er nur, um die Motive zu einem neuen Bild zusammenzufügen. Das restliche Verfahren ist ein analoges.

Die Fotos werden von einem alten Laptop-Bildschirm abfotografiert – inklusive der Schlieren, Staubpartikel und des vom Künstler manipulierten Lichteinfalls. Das so entstandene Bild wird selbst weiter verändert und wieder fotografiert. Dieser Prozess kann sich so lange wiederholen, bis Stefan Krauth mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Am Ende schließlich erhalten die Bilder Titel, welche häufig durchaus poetisch sind und oftmals den Anfang einer Geschichte darstellen können, welche der Betrachter mit seinen eigenen Assoziationen weiter schreibt. Diese Geschichten spielen an Orten, die in ihrer Zusammensetzung nicht real existent sind und uns doch so vertraut vorkommen, weil wir ähnliche kennen und uns ihnen mit unseren klischee-erfüllten Erwartungen nähern. Doch trotz dieser Vertrautheit liegt Ihnen auch etwas zeitloses inne. Denn durch die Verschwommenheit werden sie uns entrückt und scheinen sie eine ganz eigene Welt zu bilden, in der noch Mystik und Poesie herrschen.

Anne Krüger

Der Beginn einer langen Reise

The Spot, 2009, 59 x 85 cm

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