Raum und Oberfläche – Esther de Graaf und Henrik Kröner

Einen Austausch von Künstlerinnen und Künstlern zu schaffen ist das Ziel des Groningen-Hamburg-Projects. In einem offenen Verfahren können sich Künstlerinnen und Künstler beider Städte beteiligen und in beiden Städten ortsbezogene Vorhaben entwickeln und umsetzen.

In den letzten zwei Jahren konnten so mehrere Hamburger Künstlerinnen und Künstler nach Groningen reisen, ebenso waren mehr als 15 Gäste aus Groningen in Hamburg. Koordiniert wird dieses offene Netzwerk von Jan Derk Diekema (HAVIK und CareX) aus Groningen und Michael Kress (FRISE) aus Hamburg.

Mit Esther de Graaf und Henrik Kröner kommen zwei junge Kunstschaffende nach Hamburg, deren Werke auf besondere Weise ein wichtiges Thema dieses Groningen – Hamburg – Projects thematisieren: Raum und Oberfläche.

Esther de Graaf verwendet Wellpappen, Klebebänder, Aluminiumfolien und andere eigenartige, beiläufige und banale Materialien. Hiermit fertigt sie raumgreifende Ummantelungen, die einen Bezug zu einem imaginierten Gegenüber herstellen. Sie schafft Räume im Raum.

Die Gebilde verweisen über die räumlichen Grenzen des eigenen Standpunktes hinaus in ein erweitertes vorgestelltes Umfeld. Hier, wo der Betrachter, das Subjekt, steht und schaut, nimmt er die zeitliche Flüchtigkeit dieser plastischen Konstruktionen wahr. Die Materialien Esthers de Graaf sind Produkte der Verpackungsindustrie: klar, genormt und logistisch rational.

Diese Transport-Hilfsmittel, die zum Schutz von Dingen verwandt werden, um etwa Güter des Konsums von einem Ort zum anderen zu bringen, sind unbeachtete Mäntel von gemeinten Inhalten. Die Gebilde der Esther de Graaf stellen sich somit zwischen den aufmerksamen Betrachter, den befindlichen Raum und eine unbekannte imaginierte Destination der nicht vorhandenen Inhalte. Alle Gegenstände, alle Beteiligten und der umgebene Raum bedingen den aktuellen Ort. Das erkennende ICH muss sich später erinnern, da die Setzungen dieser Gebilde zeitlich begrenzt angelegt sind und nach Verlassen der Ausstellung unwiederbringbar rückgebaut werden.

Flankiert werden diese Raumbezüge mit ‚bezeichneten Leinwänden’ auf Keilrahmen von Henrik Kröner. Große Raster der Orientierung, die an Rechenhefte erinnern. Die Bemusterungen der Flächen wiederholen das Format der Bilder und wirken zugleich klar und unbestimmt, unfertig und skizzenhaft. Jedes Feld ein Moment der Entscheidung: Null/nichts – Eins/etwas.

Henrik Kröner programmiert etwas, dass nicht direkt dekodiert und zum Auslesen gebracht werden kann. Er überlässt dem Bild die Aufgabe, „Bild“ zu sein und erklärt die Fläche zur Rechenaufgabe von Möglichem und Wahrscheinlichem – Pixel, die belegt werden oder frei bleiben. Die großen Bilder von Kröner verweisen auf Raster und Bildauflösungen, die uns alltäglich per Smart-Phone-Selfie in Szene setzen. Pixel, die variieren und in ihrer scheinbaren Dinglichkeit verschwinden. Oberflächen, deren Auftrag nichts Spezifisches vermitteln will. Malerei als Zeichnung, Zeichnung als Vergewisserung, dass es immer noch so etwas wie Bilder geben kann.

Auf besondere Weise verklären Esther de Graaf und Henrik Kröner den Ausstellungsraum und machen uns auf die Fragilität der Konstellation Zeit, Raum und Subjekt aufmerksam.

 

Michael Kress, Hamburg im Dezember 2014

 

 

 

 

 

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