Mit 40 Freunden und 8 Videos um die Welt – Michael Buckley und Sue McCauley

The Hawker's Slipper1

Sie machen sich den Raum zueigen, bevölkern ihn, ohne um Erlaubnis zu fragen, haben keine gültigen Reisedokumente dabei. Die großformatigen Arbeiten zeigen in äußerster Reduktion Doodles, Kritzeleien. Die etwa 40 Charaktere haben, neben den Unterschieden in ihrem Ausdruck und ihrem Erscheinen doch eines gemeinsam: sie alle entstammen der Phantasie des Künstlers Michael Buckley.

Der Australier Michael Buckley und seine Frau Sue McCauley, welche die Ausstellung kuratiert, wagen mit dem Projekt Here to There – Imaginary Friends and Distant Journeys“ Ungewöhnliches: sie überschreiten die Grenzen zwischen Hochkunst und Streetart, konfrontieren den White Cube des Galerie-Raumes mit einer Ästhetik, die einen ganz anderen Ursprung hat. Damit wird der Rahmen der Institution Galerie bis ans Limit ausgelotet und gleichzeitig die Frage nach neuen Formen der Präsentation aufgeworfen.

Das formale überschreiten der Kunstgrenzen ist jedoch nur ein Nebenaspekt der Arbeit, ein Mittel um den Inhalt zu unterstreichen. In erster Linie geht es Michel und Sue darum, die Misstände in der Flüchtlingspolitik aufzuzeigen. Die imaginären Freunde nehmen hierbei die Rolle eine Platzhalters ein, sie verbillichen des Prozess des Eindringens in einen abgegerenzten Raum. Der lebhaften Phanatsie des Künstlers entsprudeln sie ohne sich bändigen zu lassen, in 14 Tagen Aufenthalt in Hamburg hat er 40 von ihnen erschaffen.

 

Neben den „Imaginary Friends“ werden auch Videoarbeiten gezeigt. Diese sind genauso nachdenklich und ebenso vielfältig, jedoch häufig stiller als die turbulenten und Aufmerksamkeit erheischenden Zeichnungen. In The Hawker’s Slipper 2010 folgen wir einem Mann, der seine zerlaufenen Plastiksandalen mit Bändern an seinen Fesseln befestigt hat und sie hinter sich herzieht, während er ein Stück neu gebauten Highways abschreitet. Die 15 minütige Arbeit behandelt das Trauma des Genozids in Kambodscha, aber auch den wachsenden Einfluss der urbanen Entwicklung auf die Ärmsten der Armen, die Strassenhändler von Phnom Penh, welche gewaltsam vertrieben werden.

Michael und Sue sind ihr Leben lang gereist, waren in unzähligen Ländern und haben dort ein ungeheures Repertoire an Eindrücken, Bekanntschaften und Begebenheiten gesammelt. Diese sind häufig die Grundlage der Videoarbeiten, welche diese Reisen, soziale Misstände in aller Welt und die Kolonialisierung, aber auch so schwer greifbare Themen wie Suizid und Verlust behandeln.

Michael Buckley hat mit seinen Filmen immer wieder Preise gewonnen, seine Frau Sue McCauley erhielt zuletzt 2014 eine Auszeichnung durch den australischen Kunstrat.

Vom 17. September bis zum 28. September besteht die Möglichkeit, das kosmopolitische Projekt der beiden in den Räumen der Frise zu besichtigen.

Die Eröffnung ist am 17.9. um 20 Uhr.

Anne Krüger

Sella Hasse Kunstpreis 2014: we are visual, Kyung-hwa Choi-ahoi, Cordula Ditz

Wer dieser Tage den Ausstellungsraum der FRISE betritt fühlt sich zunächst als Zaungast, schwankend zwischen den Gefühlen eingesperrt oder ausgesperrt zu sein. Mitten im Raum hängen freischwebend Stücke von Drahtzäunen unterschiedlichster Machart und zwingen den Betrachter, sich labyrinthartig zwischen ihnen hindurch zu bewegen, die Seiten zu Wechseln und unterschiedliche Sichtweisen einzunehmen. Das Künstler-Kollektiv we are visual (Marc Einsiedel und Felix Jung) befasst sich in dem Projekt „Zaun“ mit der Thematik der Absperrung im öffentlichen Raum. Neben den in den Ausstellungsraum transferierten Zäunen, welche allesamt Fundstücke sind, zeigen we are visual Fotografien urbaner Begrenzungen.

we are visual

Genauso kritisch, jedoch auf stillere Art und Weise, sind die Arbeiten von Kyung-hwa Choi-ahoi. Ihr Medium sind Papier und Zeichenstift, mit denen sie subjektive Eindrücke der Großstadtbewohner und ihrer Lebensumstände auf schlichte und gleichzeitig überraschend eingängige Art und Weise festhält. Überraschend insofern, als die kleinformatigen Zeichnungen so unprätentiös wirken und doch im Gedächtnis haften bleiben, zumal sie dem Betrachter Vertrautes und Alltägliches vor Augen führen. Diese kleinen Momente des Alltags jedoch verwandeln sich durch die Bildwürdigkeit, die die Künstlerin ihnen durch die Auswahl zuspricht, in subjektiv historisch bedeutsames Geschehen.

Leere Orte, verlassen, unheimlich, apokalyptisch Visionen beschwörend zeigt Cordula Ditz in ihrer Videoarbeit „A Bankrupt Heart“. Die surreal anmutenden Szenen hat die Künstlerin im in der Innenstadt teilweise verlassenen Detroit und der ehemaligen Goldgräberstätte Rhyolite im Death Valley gemacht.

 

cordula_ditz_abankruptheartstill

So unterschiedlich die drei Preisträger und ihre Arbeiten sind, so sehr kreisen sie im Kern doch um die gleiche Thematik. Ganz im Sinne der Namenspatronin des Preises, der Künstlerin Sella Hasse (1878 – 1963), welche für ihre sozialkritischen Arbeiten bekannt ist, setzen sich auch die hier gezeigten Werke alle kritisch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander.

Die durch den Sella Hasse Verein bestimmte Jury hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus den eingesendeten Bewerbungen diejenigen Arbeiten zu prämieren, die „sich mit herausragender Qualität sowie Eigenständigkeit und Überzeugungskraft“ im Sinne Sella Hasses mit der Gegenwart beschäftigen.

Das Ergebnis dieser Auswahl ist noch bis zum 14.9. in der Frise zu sehen. Zur Ausstellung  ist eine Publikation erschienen.

Anne Krüger

UN IDEA BRILLIANTE – Die Vermessung der Welt. Oder: wie die Konsequenz Kunst wurde

18. Installation view, Un'Idea Brillante, FRISE Künstlerhaus, 2014.

Die Arbeiten sind feingliedrig, vielschichtig, analytisch, akribisch. Sie vemessen, strukturieren, schematisieren. Gleichzeitig sind sie jedoch auch höchst experimentell. Geprüft wird hier was passiert, wenn man eine geniale Idee immer wieder aufs neue diskutiert. Hält sie der Wiederholung stand oder erschöpft sie sich und wird zunehmend reizloser, verblast mit jeder Neu-Interpretation ein bisschen mehr?

Ausgangspunkt der Ausstellung ist eine Arbeit von Alighiero e Boetti (1940-1994) mit dem Titel Un‘Idea Brilliante. Boetti arbeitet mit Wörtern und Sätzen, die er in Teppiche einweben lässt. Die Darstellung variiert dabei nur unwesentlich – was sich ändert ist jedoch jeweils die inhaltliche Aussage. So reduziert sich der gestalterische Aspekt auf ein Minimum, es ist die Idee an sich, die zählt – in diesem Fall das Wort.

Ausgehend von Boettis kreativem Minimalismus hat das venezianische Kuratorenduo Francesco Urbano Raggazi drei italienische Künstlerinnen eingeladen, sich mit dessen Erbe zu befassen. Gleichzeitig stellen sie eine Verbindung zu Hamburg her, indem sie K.P. Brehmer (1938-1997) als zweite Leitfigur platzieren. Brehmer, ein Zeitgenosse Boettis, lehrte über mehrere Jahrzehnte an der HfBK Hamburg. Er arbeitete ebenso konsequent analytisch. Brehmer setzt Tatsachen. Fakten und weltpolitische Zustände in Form von Diagrammen in Malerei oder Grafik um.

12. KP Brehmer, Weltkrieg möglich - Weltkrieg unmoglich. Berliner Mauer 1962-68, Water-based paint (dispersion paint) and pencil on graph paper, 59 x 41.5 cm, undated, private collection.

Die Konsequenz ist der zentrale Aspekt, der sich durch die Arbeiten Boettis und Brehmers zieht. Die eine „Brilliante Idee“ wird immer und immer wieder durchdekliniert. So auch in der nächsten Künstlergeneration.

Caterina Rossato (*1980) erschuf über ein Jahr hinweg auf einer 10 Meter langen Rolle mit Fineliner ein Mind Map. Dem Betrachter wird es nur stückweise offenbar – der Großteil bleibt aufgrund der Raumgröße tatsächlich aufgerollt und nur erahnbar. Nur spekulativ ist tatsächlich auch der Inhalt des Mind Maps. Denn Rossato schematisiert zwar ganz subjektiv Zusammenhänge und Strukturen, die ihr während der Arbeit an dem Werk durch den Kopf gehen, lässt diese jedoch als das was sie sind stehen. Damit liegt es am Betrachter, diese Ordnung mit Inhalt zu füllen.

Ebenso korrekt aber auf Struktur reduziert und vom Inhalt quasi gelöst ist auch Rossatos zweite Arbeit, welche den Soundtrack zur Show liefert. Zu hören ist eine Audiospur, welche Rossatos eigenes Spiel einer Prelude von Felix Mendelssohn aufzeichnete. Dies allerdings auf einem tonlosen Klavier, so das nur der Finger zu hören ist. Umso mehr verdeutlicht gerade diese Arbeit, dass es in der Ausstellung „Un‘Idea Brilliante“ nicht um das fertige Werk im herkömmlichen Sinne geht: Ziel ist vielmehr die analytische und akribische Auseinandersetzung mit der einen guten Idee. In diesem Fall ist die Idee, das Musikstück durchaus noch präsent, es hat lediglich eine Transformation durchlaufen. Der eigentliche Inhalt jedoch bleibt der Gleiche.

Konsequenz und die Vermessung des Alltags auf die eine oder andere Weise erfahren auch die Arbeiten Verena Vestrucci und Valentina Rosseli. Sei es ein Bild, auf welches mit dem Make-Up Pinselchen Lidschatten aufgetragen wurde oder ein Wandbild, welches einen Sternenhimmel zeigt, der eine Neuanordnung der europäische Flagge darstellt – immer geht es um eine in ihrer Durchführung konsequent angegangene Idee, welche quasi endlos weitergeführt wird in dem Versuch, die Welt zu ordnen und der Idee von der Ordnung neue Parameter zu setzen.

Anne Krüger

04. Serena Vestrucci ,Trucco (Make up), eye shadow, face powder and lip gloss on canvas, 2 days, 30 x 40 cm, 2014 (detail).

16a. Caterina Rossato, Mind Map, Pen on paper, 10 x1.5 m, 1 year, 2014 (detail).