UN IDEA BRILLIANTE – Die Vermessung der Welt. Oder: wie die Konsequenz Kunst wurde

18. Installation view, Un'Idea Brillante, FRISE Künstlerhaus, 2014.

Die Arbeiten sind feingliedrig, vielschichtig, analytisch, akribisch. Sie vemessen, strukturieren, schematisieren. Gleichzeitig sind sie jedoch auch höchst experimentell. Geprüft wird hier was passiert, wenn man eine geniale Idee immer wieder aufs neue diskutiert. Hält sie der Wiederholung stand oder erschöpft sie sich und wird zunehmend reizloser, verblast mit jeder Neu-Interpretation ein bisschen mehr?

Ausgangspunkt der Ausstellung ist eine Arbeit von Alighiero e Boetti (1940-1994) mit dem Titel Un‘Idea Brilliante. Boetti arbeitet mit Wörtern und Sätzen, die er in Teppiche einweben lässt. Die Darstellung variiert dabei nur unwesentlich – was sich ändert ist jedoch jeweils die inhaltliche Aussage. So reduziert sich der gestalterische Aspekt auf ein Minimum, es ist die Idee an sich, die zählt – in diesem Fall das Wort.

Ausgehend von Boettis kreativem Minimalismus hat das venezianische Kuratorenduo Francesco Urbano Raggazi drei italienische Künstlerinnen eingeladen, sich mit dessen Erbe zu befassen. Gleichzeitig stellen sie eine Verbindung zu Hamburg her, indem sie K.P. Brehmer (1938-1997) als zweite Leitfigur platzieren. Brehmer, ein Zeitgenosse Boettis, lehrte über mehrere Jahrzehnte an der HfBK Hamburg. Er arbeitete ebenso konsequent analytisch. Brehmer setzt Tatsachen. Fakten und weltpolitische Zustände in Form von Diagrammen in Malerei oder Grafik um.

12. KP Brehmer, Weltkrieg möglich - Weltkrieg unmoglich. Berliner Mauer 1962-68, Water-based paint (dispersion paint) and pencil on graph paper, 59 x 41.5 cm, undated, private collection.

Die Konsequenz ist der zentrale Aspekt, der sich durch die Arbeiten Boettis und Brehmers zieht. Die eine „Brilliante Idee“ wird immer und immer wieder durchdekliniert. So auch in der nächsten Künstlergeneration.

Caterina Rossato (*1980) erschuf über ein Jahr hinweg auf einer 10 Meter langen Rolle mit Fineliner ein Mind Map. Dem Betrachter wird es nur stückweise offenbar – der Großteil bleibt aufgrund der Raumgröße tatsächlich aufgerollt und nur erahnbar. Nur spekulativ ist tatsächlich auch der Inhalt des Mind Maps. Denn Rossato schematisiert zwar ganz subjektiv Zusammenhänge und Strukturen, die ihr während der Arbeit an dem Werk durch den Kopf gehen, lässt diese jedoch als das was sie sind stehen. Damit liegt es am Betrachter, diese Ordnung mit Inhalt zu füllen.

Ebenso korrekt aber auf Struktur reduziert und vom Inhalt quasi gelöst ist auch Rossatos zweite Arbeit, welche den Soundtrack zur Show liefert. Zu hören ist eine Audiospur, welche Rossatos eigenes Spiel einer Prelude von Felix Mendelssohn aufzeichnete. Dies allerdings auf einem tonlosen Klavier, so das nur der Finger zu hören ist. Umso mehr verdeutlicht gerade diese Arbeit, dass es in der Ausstellung „Un‘Idea Brilliante“ nicht um das fertige Werk im herkömmlichen Sinne geht: Ziel ist vielmehr die analytische und akribische Auseinandersetzung mit der einen guten Idee. In diesem Fall ist die Idee, das Musikstück durchaus noch präsent, es hat lediglich eine Transformation durchlaufen. Der eigentliche Inhalt jedoch bleibt der Gleiche.

Konsequenz und die Vermessung des Alltags auf die eine oder andere Weise erfahren auch die Arbeiten Verena Vestrucci und Valentina Rosseli. Sei es ein Bild, auf welches mit dem Make-Up Pinselchen Lidschatten aufgetragen wurde oder ein Wandbild, welches einen Sternenhimmel zeigt, der eine Neuanordnung der europäische Flagge darstellt – immer geht es um eine in ihrer Durchführung konsequent angegangene Idee, welche quasi endlos weitergeführt wird in dem Versuch, die Welt zu ordnen und der Idee von der Ordnung neue Parameter zu setzen.

Anne Krüger

04. Serena Vestrucci ,Trucco (Make up), eye shadow, face powder and lip gloss on canvas, 2 days, 30 x 40 cm, 2014 (detail).

16a. Caterina Rossato, Mind Map, Pen on paper, 10 x1.5 m, 1 year, 2014 (detail).

Stefan Krauth – Von der Poetik des verschwommenen Blickes

Die Schlucht

Ein Mann steht mit gesenktem Kopf und hochgezogenen Schultern allein in einer Schlucht, das Motiv ist unscharf und verkörnt. (Die Schlucht, 2009) Ein Boot treibt vor einer Küstenlandschaft, zu sehen sind nur seine zwei Insassen und der schmale Küstenstreifen, sonst nichts als Leere und Weite, die durch die nebelhafte Bildoberfläche emotional noch verstärkt wird. (Der Beginn einer langen Reise, 2011). Eine Stadt scheint sich, ausgelöst durch die weißen Staubpartikel welche das Motiv überlagern, in sich selbst aufzulösen (The Spot, 2009).

Stefan Krauth spielt in seinen Arbeiten mit unseren Sehgewohnheiten, mit Klischees und dem Zufall. Motive aus Fotografien, die er auf seinen Reisen aufnimmt fügt er zu neuen Bildern zusammen. Dabei bedient er sich den Erwartungen des Betrachters, welcher, geprägt durch die mediale Flut, bestimmte Erwartungen an Orte stellt. Diese werden hier jedoch nicht erfüllt, da die Bilder keine Realität abbilden. Sie zeigen neue Zustände, Fragmente von verschiedenen Orten die in ihrer neuen Einheit doch wieder Sinn machen und ohne das Wissen um ihre Herkunft oftmals nicht als einander fremd erkannt werden.

Die neue Zusammengehörigkeit erfolgt nicht zuletzt durch den weiteren Bearbeitungsvorgang, den Stefan Krauth seinen Fotografien zukommen lässt. Die Arbeiten zeichnen sich durch Unschärfe aus. Unschärfe als Stilmittel ist seit der Renaissance beliebt. Bereits Leonardo da Vinci benutzte sie in seinen Bildern. Und auch in der zeitgenössischen Kunst, allen voran bei Gerhard Richter, erfuhr sie ein erneutes großes Wiederaufleben. Im Allgemeinen dient sie als Mittel der Entrückung. Dem Bild wird durch sie etwas Geheimnisvolles, der Hauch von Mystik verliehen.

Gänzlich neu und anders ist jedoch die Art und Weise, wie der Künstler die Verschwommenheit und Entrückung, Verkörnung und Vernebelung seiner Arbeiten erreicht. Photoshop benutzt er nur, um die Motive zu einem neuen Bild zusammenzufügen. Das restliche Verfahren ist ein analoges.

Die Fotos werden von einem alten Laptop-Bildschirm abfotografiert – inklusive der Schlieren, Staubpartikel und des vom Künstler manipulierten Lichteinfalls. Das so entstandene Bild wird selbst weiter verändert und wieder fotografiert. Dieser Prozess kann sich so lange wiederholen, bis Stefan Krauth mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Am Ende schließlich erhalten die Bilder Titel, welche häufig durchaus poetisch sind und oftmals den Anfang einer Geschichte darstellen können, welche der Betrachter mit seinen eigenen Assoziationen weiter schreibt. Diese Geschichten spielen an Orten, die in ihrer Zusammensetzung nicht real existent sind und uns doch so vertraut vorkommen, weil wir ähnliche kennen und uns ihnen mit unseren klischee-erfüllten Erwartungen nähern. Doch trotz dieser Vertrautheit liegt Ihnen auch etwas zeitloses inne. Denn durch die Verschwommenheit werden sie uns entrückt und scheinen sie eine ganz eigene Welt zu bilden, in der noch Mystik und Poesie herrschen.

Anne Krüger

Der Beginn einer langen Reise

The Spot, 2009, 59 x 85 cm